Forschung

Zwischen Ethos und Exzess? Eine Kritik des Erhabenen

Hana Gründler

Ridley Scott, Blade Runner, 1982

"Le sublime est à la mode" – Jean-François Lyotards 1984 formulierter Satz scheint heute keine Gültigkeit mehr zu besitzen. Gerade in den Visual und Material Culture Studies, aber auch in der Bildwissenschaft wird das Erhabene vermehrt als rein ästhetisch-idealistische Kategorie beschrieben, die für heutige Diskurse nicht mehr fruchtbar ist. In der Tat wurde es nicht nur in der Kunstgeschichte, sondern auch in anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen vorwiegend mit dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert in Verbindung gebracht. Zu jener Zeit war die visuelle Darstellung oder sprachliche Evokation erhabener Naturereignisse zu einem zentralen Motiv von Kunst und Literatur geworden. So zutreffend die Kritik an einer westlichen, häufig auf dem Gegensatz von Schönem und Erhabenem beruhenden Ästhetik mit ihrem essentialistischen und normativistischen Narrativ zunächst erscheinen mag, so ideengeschichtlich inakkurat und reduktionistisch erweist sich bei näherer Betrachtung der gegenwärtige Umgang mit dieser widersprüchlichen Kategorie. 

Das Forschungsprojekt zielt deshalb in mehrfacher Hinsicht darauf ab, den Topos des Erhabenen sowie seine Verwendung in Kunst und Architektur beziehungsweise seine Deutung in der Theoriebildung kritisch zu hinterfragen. Zunächst soll die longue durée des Erhabenen und insbesondere jene seiner Aspekte in den Blick genommen werden, in denen es um die Grenzen des Vorstellbaren und Darstellbaren geht. Dies ist bei Weitem nicht nur für eine Auseinandersetzung mit neuzeitlichen Repräsentationen von Naturkatastrophen grundlegend, sondern auch für die mit aktuellen Bildern der Gewalt. Denn so sehr das Erhabene im produktiven Sinne (ästhetische) Normen infrage stellt, durchbricht und transformiert, so sehr ist es aufgrund seiner Relation zum Übergroßen und Übermenschlichen stets auch anfällig für Vereinnahmungen durch das Totalitäre, was sich etwa in den megalomanischen Architekturentwürfen faschistischer oder kommunistischer Regimes zeigt.

Aus diesem Grund würde es zu kurz greifen, das Erhabene lediglich aus einer ästhetischen Perspektive ausloten zu wollen. Vielmehr müssen gezielt die epistemischen, ethischen und politischen Implikationen dieser widersprüchlichen Kategorie in den Blick genommen werden. Nur so wird es möglich sein, die enge Verbindung des Erhabenen mit Freiheitsvorstellungen auf der einen und Strategien der Manipulation, Disziplinierung, ja gar Unterwerfung auf der anderen Seite zu analysieren. Vor diesem Hintergrund gilt es auch aufzuzeigen, wie häufig in aktueller Kunst und Theorie bewusst oder unbewusst auf das sich zwischen Ethos und Exzess bewegende Erhabene und seine mannigfaltigen Implikationen verwiesen wird.

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