Convegno

Erzählraum Jerusalem (4. bis 15. Jahrhundert)

Jerusalem ist Schauplatz irdischer Geschichte, ‚umbilicus mundi’, Raum der Erinnerung wie Ort endzeitlicher Erwartung, real erfahren, gesehen, kollektiv tradiert oder ‚nur’ gedacht, imaginiert. In allen Variationen offenbart Jerusalem seine konstitutive Bedeutung für jüdische, christliche wie islamische Kultur. Durch die Jahrhunderte hindurch war die Stadt auch Motivation, Ort oder Gegenstand von Erzählung in Text und Bild. Das Spektrum der Erzählungen reicht von der biblischen Geschichte, den apokryphen Legenden über Texte der Geschichtsschreibung und Romane bis hin zum ‚realen’, fiktiven oder geistlichen Pilgerbericht. Jerusalem ist erzählter, ‚erzählender’ oder mit Erzählung besetzter Raum, ein Raum, der in der Erzählung bzw. durch diese noch einmal neu geschaffen wird, oder ein solcher, in dem Erzählung entsteht, wobei u.a. Stadträume wie Sakralräume, bildliche, literarische wie kartographische Räume in den Blick kommen.

Die Begriffe der Erzählung und des Raumes sind ebenso vielschichtig wie ihre Zusammenführung im Erzählraum komplex. Dieser soll im Rahmen der Tagung nicht bzw. nicht nur im Sinne des Bachtinschen Chronotopos verstanden werden. Vielmehr ist geplant, mit einem erweiterten Konzept zu arbeiten. Die Polyvalenz einer konkreten, aber zugleich vielseitig interpretierbaren Verknüpfung der Begriffe lässt Spielraum für vielfältige Fragestellungen, Perspektiven und Herangehensweisen. Auf welchen Ebenen und auf welche Weisen wird Jerusalem zum Erzählraum, welche Konzepte von Narration und Raum liegen jeweils zugrunde und wie verändert sich mit ihnen das Jerusalembild? Welche Verschränkung von narrativen und ikonischen Dimensionen lassen sich beobachten? Welche Rolle spielen dabei Text- und Bildmedien, die Autoren/Künstler und die Adressaten? Gefragt wird nach der Stellung, die das Erzählen im Prozess der Tradierung bestimmter Vorstellungen über Jerusalem einnimmt, oder danach, wie der Aufbau, das ‚Neuerschaffen’ Jerusalems als epischer Raum erfolgt oder als Bildraum durch dargestellte Handlung. Wie wird Jerusalem für Erzählung eingesetzt, in narrativen Bildern (beispielsweise Tafeln der Passion) und Bildsequenzen, bei der Illustration erzählender Texte, von Bibel und Haggadah?

Indem die Tagung Jerusalem mit den Kategorien Erzählung und Raum zusammen sieht, möchte sie einerseits den Blick für Konstellationen schärfen, welche verschiedene Erscheinungsformen, Wahrnehmungsweisen, Vorstellungen und Instrumentalisierungen der Stadt offen legen, andererseits und zugleich die Modi und Orte der Darstellung zur Diskussion stellen. Fragen nach der Translozierung Jerusalems (in Bild und Text, in Bau, Landschaft oder Reliquie) sollen damit - über jene nach der ‚Kopie’ oder der topographischen Entsprechung hinausgehend - interdisziplinär neu aufgeworfen werden, wobei es gerade um die Verschränkungen von Erzählungen und Orten geht: Wie konkretisieren sich Orte in und durch die Erzählung, bzw. wie haftet sich Erzählung an Orte, bringt sie hervor und/oder transferiert sie? Es geht hierbei also nicht um präexistente "Inhalte", sondern um die Prozesshaftigkeit von Traditionen, auch um Zwischenräume, die sich in diesen Prozessen auftun. Narration kann dabei Ausgangspunkt, Auslöser, intermediärer Schritt, inszenatorischer Beitrag oder Endprodukt sein.

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