Albert Boesten-Stengel: Processo disegnativo e semiosi. Per una critica genetica dei disegni di Leonardo da Vinci

Wissenschaftliches Kolloquium / Colloquio scientifico

Die philologische, namentlich in Frankreich entwickelte 'Critique génétique' ergänzt die klassische Editorik um die Dimension der Schreibprozesse. Sie deutet und ordnet die hinterlassenen Notizen, Fragmente, Werkmanuskripte. Sie untersucht deren Schriftbild nach ikonischen und graphisch-prozeduralen Aspekten, ermittelt aus der Verteilung der Notizen im Blattraum, aus Streichungen, Überschreibungen, Einschüben, wechselnden Schreibmitteln und Änderungen des Duktus den Schreibvorgang. Vertreter der genetischen Textkritik berufen sich vielfach auf Phänomene und Erklärungsweisen aus dem Bereich der Künstlerzeichnung, ohne daß für letztere bisher eine ähnlich elaborierte und reflektierte Betrachtung etabliert worden wäre. Leonardos hinterlassene Aufzeichnungen und Skizzen scheinen prädestiniert, an ihnen eine entsprechende augenphilologische Methode zu erproben, zumal er selbst sowohl schreibend als auch zeichnend über das Zeichnen nachdachte.

Ernst Gombrichs Vortrag "On Leonardo's Method for Working out Compositions" (zuerst 1952) gipfelte in der These, daß Leonardo durch die Linienkonfusion gewisser Skizzen eine Art Selbststimulation seiner Phantasie betrieben habe, die jede gültige Ausarbeitung vereitelte. Gombrich berief sich sowohl auf Leonardos Texte als auch Beispiele seiner Zeichnungen. Erörtern wir jedoch, was die Leonardo-Forschung bisher versäumte, den epistomologischen Hintergrund der Wortwahl Leonardos, seiner berühmten "cose confuse" und des "componimento inculto", ergibt sich, daß der Künstler selbst das Zeichnen als eine Methode kritischer Genese verstand, die sehr wohl auf die Perfektionierung des Werks zielte. Das erweist sich auch an den fraglichen Skizzen: Evident suchte der Zeichner durch Striche Bildwirkungen zu erproben und zu klären, wie das Werk auszuführen wäre. Für den Prozeß der Einfälle, ihrer selbstkritischen Beurteilung, Korrektur und Ausarbeitung besaß das Zeichnen den Vorteil, die einzelnen Striche und ihre optische Verschmelzung, die graphische Faktur und den bildlichen Effekt, gleichermaßen sehen zu lassen und sichtbar zu halten. Erst im fortgeschrittenen Stadium wurde die Skizze - und vielleicht nur für fremde Augen - zum Palimpsest, das die Spuren der eigenen Entstehung durch den Zeichenvorgang selbst teilweise wieder verdeckte. Die deutsche Lautung "Zeichenprozeß" spielt uns die Equivokation von "Vorgang des Zeichnens" und "Semiose" (bei Charles S. Peirce sowohl die Herstellung des triadischen Zeichens als auch die Entfaltung seiner Wirkung) zu. Die semiotischen Spezifika des entwerfenden Zeichnens gilt es aber allererst aufzustellen. Viel ist schon dadurch gewonnen, die proleptische Perspektive des zeichnenden Künstlers prinzipiell von der anamnestischen der 'Critique génétique' zu unterscheiden.

Albert Boesten-Stengel studierte Kunstgeschichte, Literaturgeschichte, Philosophie und klassische Archeologie an den Universitäten in Aachen, Florenz und Freiburg im Breisgau; Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes; Magister Artium 1981 an der RWTH Aachen, Dr. pil. 1986 an der Universität Freiburg i. Br. mit der Dissertation 'Über den Zusammenhang von Stil und Bedeutung in der Malerei Giorgiones'. 1983-87 mehrfach Stipendiat des Deutschen Studienzentrums in Venedig. 1988-1995 Museumtätigkeit. 1989-2004 Lehraufträge an den Universitäten Stuttgart und Würzburg; Forschungen zur italienischen Malerei und Handzeichnung der Renaissance und des Frühbarock. Hierfür Aufenhalte an den Sammlungen u.a. in Florenz, Paris, London, Oxford, Windsor Castle. 2004 Habilitation für das Fach Mittlere und Neuere Kunstgeschichte an der Universität Würzburg: 'Nachahmung und Erfindung im italienischen Frühbarock. Studien zu Annibale und Agostino Carracci unter besonderer Berücksichtigung ihrer Zeichnungen'.

2005-2006 Gastprofessuren an der Univerzita Karlova in Prag und der Uniwersytet Jagielloński in Krakau. Seit 2005 Professor für Kunstgeschichte an der Geschichtswissenschaftlichen Fakultät der Uniwersytet Mikołaja Kopernika in Toruń (Polen), Teilnehmer des Arbeitskreises deutscher und polnischer Kunsthistoriker und Denkmalpfleger "Das gemeinsame Kulturerbe".

Forschungsgebiete:

Malerei seit Giotto, Zeichnungswissenschaft, Methodologie, Christliche Ikonographie des Mittelalters und der Neuzeit, Kritisches Corpus der Carracci-Zeichnungen.

Schreibt an einem Buch über das Zeichnen bei Leonardo da Vinci.

Kunsthistorisches Institut in Florenz - Max-Planck-Institut
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