Tagung

Vor dem Urteil. Zur Bild- und Stilkritik von Gut und Böse

organisiert von der Minerva Forschungsgruppe "Nomos der Bilder. Manifestation und Ikonologie des Rechts"

Jedem juridischen Ver-urteilen geht ein Vor-urteilen voraus, dessen stille Annahmen die Rekonstruktion eines Verbrechens, Tatbestand, Täterprofil und Tatschwere erst ermöglichen. Das Urteilen ist von Bildern und Formen ähnlich wie von Sprache geprägt. Normen können dabei als Erzeugnisse sozialer und kultureller Praktiken verstanden werden, die nicht nur Handlungen regulieren, sondern die Identität der durch sie agierenden Subjekte und Gemeinschaften mitbestimmen.

Obwohl die positive Kodifizierung des Rechts die moralische Dualität von "Gut" und "Böse", deren Zuschreibungen der Willkür offen stehen, zu bannen sucht, bleiben Imaginationen und Fiktionen wirksam. Diese gewinnen insbesondere unter Bedingungen eines Rechtsdefizits Relevanz, etwa dann, wenn verschiedene Rechtssphären aufeinander treffen, wie Staat und Kirche oder nationale Rechtsräume, wenn neue Tatbestände auftauchen oder das Recht im Widerspruch zur Lebenswirklichkeit steht. Ist das "Böse" im Strafrecht heute nur noch als Schuldmerkmal (Gesinnung) relevant, das die Schuldfähigkeit des Täters unterstreicht, erweist es sich gegenüber Rationalisierungen nach wie vor resistent. Gleichwohl hängen Bewertungen, die Handlungen und Tatsachen als "böse", illegal und kriminell deklarieren und per Gesetz verurteilen oder im Gegenteil als rechtmäßig und "gut" kennzeichnen, von kulturellen Prägungen ab, in denen Bilder und Formen eine herausgehobene Rolle spielen. Die Rechtspraxis bildet diese ab und wirkt normstiftend auf sie zurück. Juridisches Urteilen umfasst hierin Prädispositionen, Anschauungen und Interpretationsleistungen, die dem ästhetischen Urteilen verwandt sind. Bilder und Formen, die so in die Rechtspflege hineinreichen, bedürfen daher im Besonderen ästhetischer, stilistischer und kritischer Erklärungen.

Die Tagung stellt sich die Aufgabe, die Rolle von Bildmedien in der Verhältnisbestimmung von Norm und Abweichung zu analysieren: Wie wird das "Böse" bildlich sichtbar gemacht? Wie wird es normativ erfasst? Worin erscheint im Gegenzug das "Gute"? Auf welche Weise beziehen sich diese Bilder unmittelbar und mittelbar auf Norm- und Rechtsvorstellungen? Wie bringen unterschiedliche Rechts- und Normsysteme jeweils spezifische Konstruktionen des "Bösen" hervor und wie verhalten sich diese zum Visuellen? Nicht nur Sujet und Gebrauch der Bilder stehen im Vordergrund, sondern auch ästhetische und stilistische Kriterien. Das "Böse" soll als apolitisches Erklärungsmuster verstanden werden, dessen Konjunktur in Krisenzeiten kritisch zu reflektieren ist. Von dämonisch beseelten Bildern, Figurationen des "Bösen" (Teufel, Dämon, Monster, Tyrann) und den Techniken seiner Bannung (Apotropäik) bis hin zu physiognomischen Strategien der Kriminalisierung, von der forensischen Angemessenheit der Darstellung, Proportion und Maß bis hin zur Undarstellbarkeit und Banalität, Verzerrungen und Antinomien, von ästhetischen Antagonismen zur Transparenz, soll die Frage nach "Gut" und "Böse" als Leitmotiv dienen, um das Verhältnis von Gesellschaft, Rechtspraxis und visueller Kultur neu in den Blick zu nehmen.

Die Tagung wird Wissenschaftler aus einem breiten Spektrum unterschiedlicher Disziplinen, wie Rechtstheorie, Philosophie, Politische Theorie und Kunstgeschichte, zusammenbringen, um Querverbindungen zu erforschen, gemeinsame Fragestellungen zu entwickeln sowie die Möglichkeiten und Grenzen einer kritischen Rechtsikonologie (critical legal image studies) auszutesten. Die Sektionsthemen umfassen "Böse Bilder", "Dämonisierung und Magie", "Bilder des Rechtens", "Körper in Haft", "Vor Gericht", "Sehen und Justieren" sowie "Pikturale Evidenz". Zu den Vortragenden gehören Dominic-Alain Boariu, Peter Bokody, Horst Bredekamp, Federico Dal Bo, Lena Foljanty, Florian Göttke, Lisa Haber-Thomson, Ruth Herz, Stefan Huygebaert, Henry Kaap, Sabine Müller-Mall, Michele Papa, Ludger Schwarte, Bruno Sotto Mayor und Annette Vowinckel.

29. – 30. Mai 2017

Istituto degli Innocenti

Sala Brunelleschi
Piazza della Santissima Annunziata 12
50121 Firenze

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