'Urbs incensa' - Ästhetische Transformationen der brennenden Stadt von der Antike bis in die Frühe Neuzeit

Internationale Tagung / Convegno internazionale

Seit der Gründung von Städten in den frühen Hochkulturen gehören Stadtbrände zu den eindringlichsten Erfahrungen der Gefährdung und Fragilität der materiellen und auch ideellen Grundlagen menschlicher Existenz. Es ist daher kaum verwunderlich, dass Brandkatastrophen seit der Antike ein wichtiges Motiv der Künste darstellen, in dem sich ebenso kollektive Ängste und religiöse Anschauungen wie ästhetische Haltungen spiegeln. Die in den literarischen, bildlichen und dramatischen Darstellungen sich ausdrückenden Deutungsmuster - von der göttlichen Strafe bis zum erhabenen Spektakel - geben dabei Auskunft über die jeweilige Selbstwahrnehmung des Menschen im Verhältnis zu den zerstörerischen Elementarkräften.

Mit den legendären Zerstörungen von Sodom und Gomorrha, Troja und Rom gehören Stadtbrände zum imagologischen Grundbestand der europäischen Kulturen, an dem die Darstellungen realer Ereignisse wie etwa des großen Feuers von London im Jahre 1666 ihre gestalterischen Vorgaben und ihren Maßstab finden. So greifen Gelehrte wie Erasmus von Rotterdam in ihren Überlegungen immer wieder auf die Topoi antiker oder biblischer Brände zurück, variieren diese aber zugleich auf bedeutsame Weise. Maler und Kunsttheoretiker wie Cristoforo Sorte, Gian Paolo Lomazzo oder Carel van Mander distanzieren sich zunehmend von klassischen Interpretationsvorgaben und sehen im Ereignis immer auch die Möglichkeit zum künstlerischen Bravourstück.

An diesem Spannungsverhältnis von Tradition und Innovation als Folge katastrophischer Ereignisse will die geplante Tagung ansetzen. Anhand seiner künstlerischen Transformationen von der Antike bis in die Frühe Neuzeit sollen die politischen, religiösen, sozialen, ökonomischen, medialen und ästhetischen Dimensionen der Wahrnehmung des Stadtbrandes untersucht werden. Damit rückt nicht zuletzt das jeweilige Wechselverhältnis von Realereignis und den Möglichkeiten und Zielsetzungen seiner "Sichtbarmachung" innerhalb einer historischen Formation in den Blick. Gefragt wird also nach dem "Bild", das sich eine Kultur von der realen, befürchteten und fiktiven Zerstörung ihres urbanen Lebensraumes macht und welche Sinnstiftungsstrategien die jeweiligen Formen der Darstellung maßgeblich prägen. Anhand konkreter Werke sollen auch die Versuche betrachtet werden, den Stadtbrand in den politischen und religiösen Diskursen der jeweiligen Zeit zu instrumentalisieren. Von großer Bedeutung sind dabei die Verschiebungen des gesellschaftlichen Wahrnehmungshorizontes im Zusammenhang mit medientechnischen Entwicklungen, wenn die Schilderungen lokaler Unglücksfälle etwa durch Flugschriften, Chroniken und Reiseberichte verbreitet und in neue Kontexte übertragen werden. Somit wird auch nach den Reichweiten und Grenzen der jeweiligen Darstellungsweisen zu fragen sein. Welche Rolle spielen Bilder und Texte von Stadtbränden für die Konstitution von 'historia' und 'memoria', inwieweit formiert und aktualisiert sich durch sie ein kulturelles Gedächtnis, das weit über den Bereich der direkten Erfahrung hinausgeht?

Gerade im Zusammenhang mit anderen Katastrophen wie Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Unwettern und Überschwemmungen, mit denen die einzelnen Stadtbrände immer wieder verglichen werden, erscheinen künstlerische Artefakte immer auch als Bemühung, das prekäre Verhältnis von Kultur und Natur zu bestimmen. Von welchen Strategien des Umgangs und der Bewältigung von Kontingenz und Gewalt der Katastrophe zeugen ihre poetischen, ikonischen und dramatischen Darstellungen? In welchem Verhältnis stehen die militärischen, natürlichen oder ganz menschlichen Ursachen des Ereignisses zu den topischen Deutungsangeboten oder dienen sogar als Modell ihrer wechselseitigen Erklärung?

Ein wesentliches Ziel der Tagung ist, Stadtbrände als kulturhistorisch bedeutsame Phänomene zu begreifen, an deren ästhetischen Transformationen sich die relevanten Wahrnehmungs- und Darstellungsweisen einer Zeit in herausragender Weise niederschlagen. Aufgrund dieser weiten Perspektive sind ausdrücklich Beiträge aus unterschiedlichen Fachrichtungen und Disziplinen erwünscht.

Die Tagung 'Urbs incensa' bildet den Auftakt einer vierteiligen Veranstaltungsreihe zum Thema 'Zerstörerische Elemente. Zur Wahrnehmung und Darstellung der Katastrophe vor 1800'. Die folgenden Tagungen werden sich der kulturellen Wahrnehmung von Erdbeben und Vulkanausbrüchen, Überflutungen sowie Stürmen und Unwettern widmen. Es ist geplant, die Beiträge in thematischen Sammelbänden zu publizieren.

Veranstalter:

Selbständige Nachwuchsgruppe "Das wissende Bild. Epistemologische Grundlagen profaner Bildlichkeit vom 15.-19. Jahrhundert".

Kunsthistorisches Institut in Florenz, Max-Planck-Institut

SNF-Forschungsprojekt "Von der Präsentation zum Wissen. Athanasius Kircher und die Sichtbarmachung der Welt".

Universität Luzern, Historisches Seminar

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Tagungsstätte der Max-Planck-Gesellschaft
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