Ethics & Architecture-Dialogue

Heike Delitz: Architektonische Modi der kollektiven Existenz

organisiert von der "Ethik und Architektur"-Gruppe

Unter dem Titel "Architektonische Modi der kollektiven Existenz" besteht das Forschungsprogramm der vergleichenden Architektursoziologie - wie sie im Vortrag auch in ihren gesellschafts- und sozialtheoretischen Gründen vorgestellt wird - zunächst (1) darin, divergente Architekturen und deren gesellschaftliche 'Positivität' sichtbar zu machen: Im Vergleich sehr unterschiedlicher - und genauer: einander divergenter, in bestimmten Aspekten je entgegengesetzter - architektonischer Kulturen einschließlich der eigenen 'Gesellschaft der Städte' (an exemplarischen Fällen) zeigt sich: Mit einer Architektur, ihren Materialien, Dimensionen, Konstruktionsweisen gehen je andere Strukturierungen des Sozialen einher - statt diese nur noch 'auszudrücken'. Es werden andere wahrnehmbare und räumliche Gestalten der Gesellschaft architektonisch erzeugt, es handelt sich um andere Einteilungen und Zuordnungen der Einzelnen, und es entstehen andere Bewegungsweisen der Körper, andere Wahrnehmungen des oder der Anderen, und andere institutionalisierte Affekte.

Sodann (2) lässt sich - ausgehend von diesem idealtypischen 'Tableau', der Matrix von vier divergenten Architekturen und Gesellschaften - erörtern, inwiefern architektonische Importe, Kolonialisierungen oder Innovationen Kollektive und Subjektformen verändern: in welcher Weise sich Kollektive architektonisch transformiert haben und gegenwärtig transformieren. Aus einer soziologischen, gesellschaftstheoretischen Perspektive soll also diskutiert werden, inwiefern Architekturen nicht lediglich sekundäres und als solches passives 'Symbol' bereits vorhandener Gesellschaften, von Akteuren und ihren Interessen sind - sondern ein Modus, in dem sich Kollektive je auf eine bestimmte Weise materiell konstituieren, auf Dauer stellen, und auch transformieren.

(3) Im Blick auf eine Ethik der Architektur ist eine solche soziologische Perspektive zunächst rein analytisch, sie wahrt Distanz; ihr geht es also keineswegs um die Frage nach dem 'guten' Bauen, nicht um eine Antwort auf die Frage, wie 'wir' bauen 'sollen'. Gleichwohl ermöglicht sie einen kritischen Blick auf die architektonische Praxis: thematisiert deren gesellschaftliche Effekte, im Blick auf die eigene kollektive Existenz ebenso wie auf die globalen Importe des spezifisch europäischen architektonischen Wissens und einer spezifisch europäischen architektonischen Kultur.

         

Heike Delitz ist Soziologin, sowie ausgebildete Architektin und Philosophin. Sie ist Privatdozentin für Soziologie am Lehrstuhl Soziologische Theorie der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und lehrt am Studiengang "Public Interest Design" der Bergischen Universität Wuppertal. Sie vertrat die Professur für Allgemeine Soziologie, insbesondere Gesellschaftstheorie (ebendort) und die Professur für Soziologische Theorie am Max-Weber-Institut für Soziologie an der Universität Heidelberg. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Soziologische Theorie und Theoriegeschichte; vergleichende Gesellschaftstheorie; und Kultursoziologie, insbesondere Architektursoziologie, sowie Soziologie des Religiösen und Politischen. Sie promovierte mit der Arbeit Architektur als Medium des Sozialen, die 2010 im Campus Verlag unter dem Titel Gebaute Gesellschaft. Architektur als Medium des Sozialen erschien. Ihre Habilitation Bergson-Effekte. Aversionen und Attraktionen im französischen soziologischen Denken erschien 2015 bei Velbrück Wissenschaft.

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