Research

Perspektivwechsel: Kunst und Philosophie nach Wittgenstein

Hana Gründler

Derek Jarman, Wittgenstein, 1993

Im Vorwort zu den Philosophischen Untersuchungen beschreibt Ludwig Wittgenstein das Resultat seiner langjährigen Denkbewegungen wie folgt: "Die philosophischen Bemerkungen dieses Buches sind gleichsam eine Menge von Landschaftsskizzen, die auf […] langen und verwickelten Fahrten entstanden sind." Bezeichnenderweise finden sich allerdings nicht nur in diesem Vorwort, sondern auch in anderen seiner nach 1930 entstandenen Schriften viele Stellen, in denen Wittgenstein solche Parallelen zwischen seinem philosophischen Denken und künstlerischen Denk- und Verfahrensweisen zieht. 

Das interdisziplinäre Projekt widmet sich zunächst Wittgensteins Werk, wobei es insbesondere jene Passagen in den Blick nimmt, in denen das Spannungsfeld von Bild, Kunst und Sprache entfaltet und unter anderem das Verhältnis von Ästhetik und Ethik diskutiert wird. Es gilt zu untersuchen, welche Rolle für Wittgenstein die Bildlichkeit der Sprache spielte und wie und wann er sie einsetzte, um festgefahrene Seh- und Denkweisen aufzubrechen und somit ein anderes Philosophieren zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang ist es auch unabdingbar, sich näher mit seiner Tätigkeit als Architekt auseinanderzusetzen.

In einem zweiten Schritt sollen bildende Künstler, Filmemacher und Schriftsteller unter die Lupe genommen werden, die sich intensiv mit Wittgenstein beschäftigt haben. In der konkreten Auseinandersetzung mit Werken von Thomas Bernhard (Wittgensteins Neffe), Mel Bochner (On Certainty), Joseph Kosuth (Letters from Wittgenstein. Abridged in Ghent) und Derek Jarman (Wittgenstein) wird der Frage nachgegangen, inwiefern es sich bei diesen Werken nicht nur um eine aufmerksame Interpretation von Wittgensteins Philosophie handelt, sondern auch um subtile und komplexe Problematisierungen und Weiterentwicklungen seines Denkens.

Die Einnahme dieser Doppelperspektive soll es ermöglichen, sich von der problematischen Vorstellung einer eindimensionalen Beeinflussung zu befreien und zu verstehen, dass das Verhältnis zwischen Kunst und Philosophie eines der gegenseitigen Bereicherung ist. So wird etwa offensichtlich, dass trotz der medialen beziehungsweise theoretischen Differenzen alle Protagonisten des Forschungsprojekts für ein Verständnis von Philosophie als Prozess plädieren. Damit hängt auch die Überzeugung zusammen, dass Philosophie und Kunst kritische und disruptive Praktiken sind –  das, was etwa Kosuth als kritischen Sinn bezeichnete. Der Rezipient, so Kosuth, muss Teil des Denkprozesses sein und soll die Kunst nicht passiv wahrnehmen und konsumieren. Auch Wittgenstein verlangte vom Betrachter/Leser der Philosophischen Untersuchungen, Philosopheme nicht einfach kritiklos zu übernehmen, sondern philosophische Probleme vielmehr stets aus einer neuen Perspektive zu betrachten und das eigene Denken ununterbrochen selbstkritisch zu reflektieren. Die Arbeit an einem anderen Sehen erweist sich somit als eine Arbeit an den Rändern der Widerständigkeit und offenbart eine ethische Dimension.

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