Valentin Groebner: Votivfotos für die Madonna 1915-1918: Auch eine moderne Bildgeschichte

Workshop

Ein dicker brauner Umschlag, adressiert an den Pater eines schweizerischen Klosters, mit einer rätselhaften Aufschrift. "Krieger-Fotografien"? Der Poststempel ist vom November 1916. Und der Umschlag ist voller fotografischer Porträts - elegante adelige Offiziere, gepflegte Bürger in Zivil, Verletzte in Lazaretten und einfache Bauernsöhne in nicht immer perfekt sitzenden Uniformen. Warum schickt ein Kloster in Südtirol während des Ersten Weltkriegs stapelweise Fotos von Soldaten in die Schweiz?

Ich möchte den Workshop dazu nutzen, einen ungeordneten und bislang praktisch unerforschten Bestand an Fotografien vorzustellen, der im Archiv des schweizerischen Klosters Einsiedeln aufbewahrt wird. Er wirft interessante Fragen zu Porträts, Fotografie, zum Glauben an Bilder und zu den Paradoxa des Identifizierens auf. Denn der braune Umschlag ist nur einer von vielen: Zwischen 1914 und 1918 schickten Angehörige von Soldaten oder die Soldaten selbst deren Fotos an das Kloster. Verbunden war das mit der Bitte, das jeweilige Bild vor dem wunderwirkenden Bild "Unserer Lieben Frau von Einsiedeln" in der Gnadenkapelle des Klosters aufzustellen, damit der auf dem Foto Abgebildete unter dem Schutz Marias aus dem Krieg (oder, seltener, aus der Gefangenschaft) unversehrt zurückkehre.

Insgesamt sind heute etwas mehr als 3500 solcher Fotos im Kloster erhalten. Der damit betraute Archivar hat diese Umschläge in Empfang genommen und mit kurzen Bleistiftnotizen versehen. Zusammen mit den teilweise erhaltenen Beibriefen und adressierten Rücksendekuverts geben sie teilweise recht detaillierten Aufschluss über die Absender. Solche Briefe wurden nicht nur an einzelne Patres und kirchliche Institutionen geschickt. Besorgte Angehörige von Soldaten schickten deren Fotos auch an Privatleute in Einsiedeln, an Firmen, Gasthöfe und deren Angestellte, die sie dann ans Kloster weiterleiteten.

Mehr als die Hälfte dieser Bilder ist deutscher und österreichischer Herkunft. Italienische und französische Soldaten sind in geringerer Anzahl ebenfalls vertreten, daneben gibt es einzelne belgische, englische und amerikanische Fotos. Meistens tragen sie Name, Dienstgrad und Regiment des Abgebildeten - schließlich sollte Maria den Schutzbefohlenen auch ordentlich identifizieren können. Neben Atelierporträts finden sich auch Amateuraufnahmen aus den Schützengräben.

Den Klosterarchivar haben diese vielen Fotos in mehrfacher Hinsicht beschäftigt. In einem Aufsatz von 1919 hat er sie "eine moderne Bilderwallfahrt" genannt. Ich möchte im Workshop versuchen, diese Bilder und ihre Überlieferung in einen sehr viel weiteren Kontext zu stellen. Er reicht von wunderwirkenden Bildern des ausgehenden Mittelalters über Ex-Votos bis zu den administrativen Mechanismen der Erfassung Einzelner durch Fotos in der Moderne und den Fantasien, die beide hervorbringen. Nicht wer, sondern was wird auf diesen Gesichtern sichtbar, die per Post an die Muttergottes persönlich geschickt wurden? Unter welchen Umständen wird einem Foto die Fähigkeit zugeschrieben, die lebendige Person, die es zeigt, sozusagen zu verdoppeln?

Valentin Groebner, geboren 1962 in Wien, ist Professor für Geschichte des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Luzern. Er ist Mitherausgeber der "Zeitschrift für Ideengeschichte" und Autor verschiedener Bücher zur Geschichte der Gewalt ("Ungestalten. Die visuelle Kultur der Gewalt im Mittelalter", München 2003), zur Geschichte des Identifizierens ("Der Schein der Person. Steckbrief, Ausweis und Kontrolle im Mittelalter", München 2004) und zu modernen Geschichtsbildern ("Das Mittelalter hört nicht auf", München 2008). Zuletzt ist erschienen: "Wissenschaftssprache. Eine Gebrauchsanweisung", Konstanz 2012.

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