Elisabeth Oy-Marra: Belloris Auge: Theorie der Zeichnung, kennerschaftliche Praktiken und die Historisierung der Kunst

Abendvortrag / Conferenza serale

Der römische Gelehrte und Antiquar Giovan Pietro Bellori ist heute vor allem als Autor der 1672 publizierten Viten der heutigen Maler, Bildhauer und Architekten bekannt, die aufgrund des "Idea-Vorwortes" und den ausführlichen und rhetorisch brillanten Bildbeschreibungen als bedeutendste Künstlerviten nach Vasari gelten. Obgleich der hohe Stellenwert seiner Bildbeschreibungen immer wieder hervorgehoben wurde, wird gerne an der visuellen Kompetenz Belloris und seiner tatsächlichen Kenntnis der von ihm beschriebenen Werke gezweifelt. Dabei wird allerdings vergessen, dass Bellori nicht nur einer der bedeutendsten Kenner der Zeichnung im Rom seiner Zeit war, sondern die Zeichnung vor allem auch als Arbeit an der Materialisierung der "Idea" des Künstlers verstanden hat.

Der Vortrag wird einerseits nach der Bedeutung der Zeichnung als Medium des künstlerischen Ausdrucks in den Viten fragen und andererseits die hier fassbar werdende Theorie der Zeichnung im Kontext der Praktiken kennerschaftlichen Sammelns beleuchten. Wie zu zeigen sein wird, stand der Kenner und Sammler Bellori dabei nicht alleine, sondern in einem regen Austausch mit Sammlern und Experten seiner Zeit wie Filippo Baldinucci, Cesare Malvasia und Sebastiano Resta, deren kennerschaftliches Urteil gegenseitige Anerkennung genoss. Diese Beobachtungen werfen nicht zuletzt grundsätzliche Fragen nach den materiell -visuellen Grundlagen der Kunstgeschichtsschreibung des späten 17. Jahrhunderts auf.

Elisabeth Oy-Marra ist seit 2004 Professorin für Kunstgeschichte am Institut für Kunstgeschichte der Universität Mainz. Nach ihrem Studium an der Universität Frankfurt am Main, wo sie mit einer Dissertation über Florentiner Ehrengrabmäler der Frührenaissance promoviert wurde, war sie zunächst wissenschaftliche Assistentin am Kunsthistorischen Institut in Florenz und dann an der Universität Bamberg. Hier habilitierte sie sich mit einer Arbeit über profane Freskenzyklen im Rom der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Forschungsschwerpunkte sind Malerei und Kunstliteratur des italienischen Barock. Sie ist Sprecherin der Doktorandengruppe "Raum und Herrschaft: Stadt und Garten als Kommunikations-, Disziplinierungs- und Wissensraum" und leitet eine Arbeitsgruppe, die die "Viten" Belloris ins Deutsche übersetzt und neu kommentiert.

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