Irene Below: Florenz 1935 - 1938: Zuflucht - Treffpunkt - Sehnsuchtsort Lucy von Jacobi (1887 - 1956) und ihre Pension Villa Primavera

Wissenschaftliches Kolloquium / Colloquio scientifico

Viele, insbesondere an Kunst und Kultur interessierte Flüchtlinge aus Deutschland entschieden sich nach 1933 für eine Übersiedlung nach Italien - so auch die Schauspielerin und Journalistin Lucy von Jacobi, nachdem sie ihre Stelle als Theater-, Film- und Kunstkritikerin bei der Ullstein-Zeitung "Tempo" in Berlin verloren hatte. Nach der Ankunft in Florenz im Dezember 1934 gelang es ihr, sich mit journalistischen Arbeiten, Sprachunterricht und der Einrichtung einer Pension eine neue Existenz aufzubauen. Von 1936-1938 wurde die paradiesisch gelegene Villa Primavera im Florentiner Hügelland zu einem Treffpunkt und Zufluchts- und Sehnsuchtsort für Lucy von Jacobis in alle Welt zerstreuten Freundinnen und Freunde. Lucy von Jacobi brachte in der Villa Einheimische, Emigranten und Gäste zusammen, erschloss kundig die Florentiner Kunst, die toskanische Küche, die Landschaft und die Bauten der näheren und ferneren Umgebung. Mein Fund des umfangreichen Teilnachlasses von Lucy von Jacobi in einem Florentiner Antiquariat im Jahr 1964 ermöglicht zusammen mit Archivalien der Fremdenpolizei eine Rekonstruktion des Alltags als politischer Flüchtling im Florenz der 30er Jahre aus der bisher wenig berücksichtigten Perspektive einer politisch wachen, vielseitig interessierten Frau. Die Quellen dokumentieren vielfältige Kontakte in Florenz - u.a. mit Emy Roeder und der Villa Romana, mit Lehrenden am Landschulheim Florenz, mit dem antifaschistischen Philosophieprofessor Guido Calogero an der Universität Pisa und mit dem Schuh-Designer Salvatore Ferragamo. Zum anderen zeugen vor allem die Briefe an Lucy von Jacobi von einem um die Gastgeberin und die Villa zentrierten weltweiten Netzwerk, in dem sich allen politischen Eingriffen zum Trotz die widerständige Utopie einer imaginären Gemeinschaft immer wieder neu realisierte. Die Hoffnung auf eine neue dauerhafte Existenz endete abrupt mit der Verabschiedung der italienischen Rassegesetze und der Flucht in die Schweiz im Herbst 1938.

Dr. phil. Irene Below, Kunsthistorikerin;

1964 - 1967 DAAD-Stipendiatin in Florenz, Promotion 1971 über Leonardo da Vinci und Filippino Lippi.

Bis 2004 Dozentin am Oberstufen-Kolleg des Landes NRW an der Universität Bielefeld, seither freiberufliche Tätigkeit als Dozentin, Kuratorin und Publizistin.

Arbeitsschwerpunkte: Siedlungsarchitektur der 20er Jahre, feministische Kunst- und Kulturwissenschaft, Künstlerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts, Peripherie und Zentrum in Kunst, Kunstbetrieb und Wissenschaft, Studien zum Exil von KünstlerInnen und Wissenschaftlerinnen.

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