Jürgen Müller: Das subversive Bild

Workshop

Organisiert von der Direktion Nova

Prof. Müller wird im Workshop seine aktuellen Forschungen zum subversiven Bild präsentieren, die im Rahmen des Sonderforschungsbereichs SFB 804 'Transzendenz und Gemeinsinn' entstanden sind, und im Anschluss zur Diskussion stellen.

Überblick und Fragestellungen des SFB 804, Teilprojekt E

In der Kunst der deutschen Renaissance wird zum ersten Mal ein kritisches Verhältnis gegenüber antiken Vorbildern und italienischen Meistern wie Michelangelo und Raffael greifbar. Dies zeichnet sich deutlich in Albrecht Dürers Korrespondenz der zweiten Venedigreise von 1506 ab, wenn der Nürnberger davon spricht, dass ihn seine italienischen Kollegen "vergiften" wollten und ihm vorwürfen, nicht in antiker Manier gestalten zu können. Künstler wie der Nürnberger oder Urs Graf sowie in deren Nachfolge Sebald und Barthel Beham reagieren auf solche Vorwürfe, indem sie in ironischer Absicht mit den prominenten italienischen Vorbildern spielen.

Seit den 1520er Jahren des 16. Jahrhunderts lässt sich beobachten, dass Künstler in Nordeuropa auf subversive Bildtechniken zurückgreifen. Sie wehren sich damit gegen den Vorwurf, sie gestalteten in Unkenntnis der Antike. Zugleich widersetzen sie sich auch einem normativen Kanon, den Papst Julius II. erstmals zu installieren suchte. Der Konflikt spielt sich vor dem Hintergrund der Reformation ab und resultiert in einer Konfessionalisierung der bildenden Kunst. Vor diesem Hintergrund untersucht das Teilprojekt E die Entstehung profaner Gattungen und will zeigen, dass sich gerade in der Genre- und Landschaftsmalerei kritische Bilddiskurse herausbildeten, deren Ziel die Selbstbehauptung und inhaltliche wie formale Neuausrichtung der bildenden Kunst im Norden ist.

Ironie

Das wichtigste Stilmittel der bildlichen Subversion ist die Ironie. Bereits Quintilian empfiehlt in seiner Institutio Oratoria die dissimulatio im Sinne passiver Ironie, bei der man sich unwissend stellt, allerdings durch seine gespielte Naivität den Gegner dazu verführt, sich zu überheben.

Diese Lehre wird von den subversiv-kritischen Künstlern in Deutschland und den Niederlanden derart umgesetzt, dass sie zwar durchaus auf klassische Vorbilder zurückgreifen, diese jedoch derart verfremden, dass die Übernahme auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist. Oft werden hehre Tugendexempel (etwa der Laokoon als exemplum doloris) in einen banalen oder gar vulgären Kontext (etwa einen Bauerntanz) versetzt, wodurch die formale Dignität des Modells in Zweifel gezogen wird. Es ist sicher kein Zufall, dass ironisch-subversive Bildformen zunächst in bedeutenden Metropolen wie Nürnberg und Antwerpen entstanden sind, galt doch die ironische Komik schon in der Antike als Zeichen der urbanitas, das die Hauptstädter vor der Landbevölkerung auszeichnet.

Subversion

Nordeuropäische Künstler können anders als ihre italienischen Kollegen weder für sich in Anspruch nehmen, die Antike aus erster Hand zu kennen noch können sie sich auf einen römisch-italienischen Kanon berufen, der von Papst Julius II. etabliert wurde. Insofern begegnen sie italienischen Künstlern nicht auf Augenhöhe, sodass von einer Asymmetrie in der Wahrnehmung von nordeuropäischer und italienischer Kunst gesprochen werden kann. Wenn, wie in diesem Fall, ein Diskurs zwischen unterschiedlichen, nicht gleichberechtigten und ungleich ausgestatteten Parteien stattfindet, kann die schwächere Partei auf Mittel wie Subversion, Täuschung oder Überraschung zurückgreifen.

Derartige Methoden der Argumentation lassen sich insofern auch für das Verhältnis zwischen den am römisch-italienischen Kanon orientierten Künstlern und ihren nordalpinen Widersachern im 16. Jahrhundert feststellen, als die anti-klassischen Vertreter im Norden Bildverfahren wie Subversion und Täuschung entwickelten und dazu einsetzen, andere Bilder in Frage zu stellen und in deren kanonischem oder machtpolitischem Gehalt zu unterlaufen.

Seit 2002 ist Jürgen Müller Ordinarius für Kunstgeschichte, Schwerpunkt Neuzeit und Moderne, an der Technischen Universität Dresden. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Kunst der Frühen Neuzeit und des Films. Er studierte in Bochum, Münster, Pisa und Amsterdam. Seine Promotion verfasste er in Bochum über die Kunsttheorie Karel van Manders und die Habilitationsschrift über Pieter Bruegel in Kassel. Gastprofessuren führten ihn an die Universität der Künste in Berlin, die Sorbonne, die Universitäten Marburg und Bordeaux. Im Jahr 2000 hatte Müller die Ausstellungsleitung der Jubiläumsausstellung des Deutschen Fußballbundes im Gasometer Oberhausen inne. Er verfasste zahlreiche Artikel und Rezensionen und ist Herausgeber einer populären Reihe von Filmbänden im TASCHEN Verlag.

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