Die Geschichte des Künstlerbuches in Italien beginnt im Futurismus mit Marinettis Zang Tumb Tuuum (1914) und Les mots en liberté futuristes (1919) sowie mit Fortunato Deperos im Jahr 1927 herausgegebenem Depero Futurista. Im Künstlerbuch wird die Rolle des Buches als Informationsmedium zunehmend hinterfragt und dekonstruiert. Dabei tritt die Vermittlung von Inhalten in textueller und bildlicher Form immer mehr zurück, während das Buch selbst als eigenständiges Kunstwerk in den Vordergrund rückt.
Das Künstlerbuch wird zu einem experimentellen „Raum“, in dem die Künstler mit Form, Material, Struktur und Inhalt experimentieren. Text, Bild, Papier, Drucktechniken und Bindung werden zu Gestaltungselementen des künstlerischen Konzeptes und verleihen dem Buch als Kunstform eine eigene Ästhetik.
Im experimentellen Klima der 1960er Jahre entsteht erneut ein verstärktes Interesse der Avantgarden am künstlerischen Verlagswesen. Dies gilt vor allem für den Gruppo 70, eine der radikalsten Strömungen der italienischen Neoavantgarde. Das Kollektiv wird anlässlich der Tagung Arte e comunicazione in Florenz im Mai 1963 gegründet und versteht sich als multidisziplinärer Zusammenschluss von Künstlern, Dichtern und Musikern, darunter Lucia Marcucci, Ketty La Rocca, Lamberto Pignotti, Eugenio Miccini, Giuseppe Chiari, Roberto Malquori, Michele Perfetti und Luciano Ori.
Der Gruppo 70 kann auf die theoretische Unterstützung von bedeutenden Persönlichkeiten wie Umberto Eco zählen und entwickelt eine neue „verbal-visuelle“ Ausdrucksform, definiert als visuelle Poesie, in der Text und Bild nicht mehr getrennt nebeneinanderstehen, sondern eine unlösbare Einheit bilden.
Die Florentiner Neoavantgarde vollzieht einen radikalen Bruch mit der traditionellen und institutionellen Kunst. Dabei geht es ihr explizit darum, die "erstarrten Formate der Hochkultur“ zu zertrümmern und stattdessen eine neue Sprache zu finden, die kritisch auf die Prinzipien der modernen Massenkommunikation reagiert. Im Unterschied zur amerikanischen Pop Art, die Wörter oft als rein dekorative Elemente in der Kunst verwendet, nutzt der Gruppo 70 die Sprache als ideologisches Instrument.
Die Künstlergruppe setzt in ihrer Kritik an der Konsumgesellschaft auf eine „Guerilla der Kommunikation“, die sich darin manifestiert, dass bestehende Codes der Werbung und Massenmedien dekonstruiert und mit politischen und provokativen Inhalten als Kritik an der Konsumgesellschaft neu aufgeladen werden. Ein Beispiel bildet hier das Werk Lamberto Pignottis, dessen Sammlung Pubbli-città (1974) die Sprachcodes der Werbung und der städtischen Beschilderung gezielt verfremdet. Ähnlich verfährt der Künstler in seinem Journal (1976), das mit einer Passage aus Giorgio Vasaris Künstlerviten als Vorwort poetischen Text und fotografisches Bild in einer bewusst hybrid zwischen Hoch- und Populärkultur angesiedelten Publikationsform verbindet.
Das Künstlerbuch erweist sich in diesem Kontext als bevorzugtes Experimentierfeld der Künstlergruppe: Es ist handlich und leicht reproduzierbar und kann zudem außerhalb institutioneller Einrichtungen, wie dem Museum, seine Wirkung entfalten. In der Verflechtung von Bild und Text kombinieren die Künstler u. a. Zeitungsausschnitte, Comics und politische Slogans, wie etwa in der Zeitschrift Lotta Poetica oder in Eugenio Miccinis Publikation Poetry gets into life (1972).
Der Gruppo 70 ist auch für ihre zahlreichen Publikationen im Selbstverlag bekannt, wie die von Luciano Ori gegründete die Reihe Poesia Visiva. Seine Spartiti Teatrali (1971) zeigen außerdem die Ausweitung des verbal-visuellen Experimentierens um performative und theatralische Notationen.
Felice Piemonteses Ancora delle poesie visive wurde 1972 in einer Auflage von nur 100 nummerierten und vom Autor signierten Exemplaren veröffentlicht. Die Widmung des zwölften - im KHI vorhandenen - Exemplars belegt, dass diese Objekte nicht nur außerhalb des kommerziellen Verlagswesens entstanden, sondern als Unikate des verbal-visuellen Experimentierens der Künstler betrachtet werden sollten.
Giuseppe Chiari, eine zentrale Figur der Kunst- und Musikszene der Fluxus-Bewegung, ist in der Sammlung des KHI mit dem Werk Musica madre (1973) vertreten. In diesem Werk findet eine Transformation der Notenschrift in eine „visuelle Schrift“ statt. Stelio Maria Martini ist mit Formulazioni non-A (1963) und dem Band Schemi (1962) präsent, Giusi Coppini mit Ovverosia dell’imprevedibile (1973).
In den Künstlerbüchern der 1960er und 1970er Jahre vollziehen die Künstler einen bewussten Bruch mit den traditionellen Normen und dem ästhetischen Kanon des Buchdrucks. Der Rückgriff auf experimentelle Drucktechniken, die Abwendung von der klassischen Typografie und die Verwendung unkonventioneller Layouts zielen darauf ab, die Funktion des Buches als Informationsmedium zu untergraben.
Durch die Auflösung von Schrift und Text in ungewöhnliche Formen, wie bei den grafischen Notationen in den Spartiti Teatrali von Ori oder den verbalen und visuellen Überlagerungen bei Miccini, die oft Probleme hinsichtlich der Lesbarkeit bereiten, wird die herkömmliche Beziehung des Lesers zum Buchobjekt radikal infrage gestellt.
Die Sammlung des Kunsthistorischen Instituts in Florenz stellt mit ihrer Vielfalt an Formaten, Techniken und Autoren ein konkretes und materielles Zeugnis dieser experimentellen Phase bereit. Ein besonders emblematisches Beispiel ist nicht zuletzt die sarkastische Biblia pauperum (1977) von Lamberto Pignotti in Comicform.
Fotografie: Bärbel Reinhard (Fondazione Studio Marangoni)
Konzept und Koordination: Verena Gebhard


































