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Das Mittelmeer/al-bahr al-Mutawassit/akdeniz/il mediterraneo/la méditerranée. Poetik und Politik eines Raumes 1860-1960 - litora II
Hannah Baader und Gerhard Wolf

Das Projekt, das im Zusammenhang mit den Forschungen zur Kunstgeschichte des Mittelmeerraumes und dem Meer als Grenzfall der Repräsentation steht, nimmt seinen Ausgangspunkt von einer Relektüre von Fernand Braudels Buch 'La Méditerranée et le Monde mediterranéen à l’époque de Philippe II'. Konzipiert in Paris, Algier, Dubrovnik und São Paolo, verfasst zu einem nicht unerheblichen Teil in Lübeck in deutscher Kriegsgefangenschaft, entstand das monumentale Werk fast zeitgleich mit Carl Schmitts Schrift 'Land und Meer' (1942) oder Rudolf Borchardts Versuch über die Seerepublik Pisa (1932-1936; 1938). Ebenfalls in die dreißiger Jahre fällt die Gründung des 'Centre Universitaire Méditerranéen' in Nizza, diesen Kulturen dessen erster Direktor Paul Valéry war. Mit 'Eupalinos oder der Architekt' hatte dieser 1921 einen Text vorgelegt, in welchem das Mittelmeer als geheimer Akteur in Erscheinung tritt, wenn es ein zweideutiges Objekt ans Ufer spült, dessen Status zwischen Natur und Kultur unbestimmbar ist: das "objet ambigu", das für einen kurzen Moment die klassische Ontologie in Frage zu stellen scheint.

Im faschistischen Italien kommt es fast gleichzeitig zu einer geopolitisch motivierten Inszenierung der italienischen Halbinsel als dem Zentrum des Mittelmeerraums, was sich unter anderem in zahlreichen urbanistischen Projekten fassen lässt. Auch der Ägypter Taha Husayn insistiert auf der Rolle des Mittelmeeres für das historische und kulturelle Selbstverständnis seines Landes (1938), nachdem es vermutlich zum ersten Mal durch Rifâ’a al-Tahtâwît (1801-1873) nicht länger nur als Raum der Römer, al-Bahr-al-rûm, sondern als weißes Meer, al-bahr al-Abyad, oder als Meer der Mitte, al-bahr al-Mutawassit, bezeichnet wird.

Das Mittelmeer wird von diesen Autoren oder Akteuren ganz unterschiedlich entworfen: als ein Kulturraum von jeweils unterschiedlich gedeuteter Einheitlichkeit, ein Raum von der Ereignisgeschichte enthobener Dauerhaftigkeit, der Ununterscheidbarkeit von Natur und Kultur, der politischen Vision, des schnöden Geschäftes oder dem Subjekt der Geschichte. Diesen unterschiedlichen Versuchen einer Beschäftigung mit dem Mittelmeer geht - seit dem napoleonischen Expedition nach Ägyten und der in ihrer Folge entstandenen 'Description de l'Égypte' - eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den frühen Kulturen des Mittelmeerraumes und des Vorderen Orient voraus, denen nicht zuletzt auch Aby Warburgs Arbeiten zuzurechnen sind. Ebenfalls um die Jahrhundertwende kommt es im Mittelmeerraum selbst und in Europa zur Gründung von zahlreichen diesen Kulturen gewidmeten Museen und Sammlungen.

Innerhalb eines zeitlichen Rahmens, der politisch vom Zerfall des Osmanischen Reiches (Krimkrieg 1853-56) und der Öffnung des Mittelmeeres zum Roten Meer und zum Indischen Ozean durch den Bau des Suezkanals (1869) bis in die frühen sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, d.h. in die Zeit der Suezkrise (1956) und dem Ende des Algerienkrieges (1962) reichen soll, fragt das Projekt nach der Geschichte der Erforschung und der Konstruktion einer kulturellen Topographie des Mittelmeerraumes, seiner Bedeutung für die Vorstellungen von Kulturräumlichkeit, dem Projekt der 'civilisation' oder 'Kultur' überhaupt und seiner Rolle in einer Landkarte des Imaginären. Unter der Prämisse, dass die Auseinandersetzung der Moderne mit dem Mittelmeer noch zu erforschen ist, gilt sie dem Mittelmeerraum als einem vermeintlichen Ort des Ursprungs der je eigenen Kultur und Religion, der gleichzeitigen Begegnung mit dem je Anderen, Fremden, dem Ort der Geburt des 'logos' und dem Raum der Geschichte schlechthin, der zugleich jenseits der Geschichte steht. Mit dem Forschungsprojekt soll Nationalstaaten übergreifend nach der Bedeutung des Konzeptes von Mittelmeer und Mittelmeerraum in den Künsten, den neuen Medien wie Film und Photographie, den Literaturen und Historiographien, sowie der Urbanistik und Museumsgeschichte gefragt werden. Das Interesse richtet sich dabei auf das Mittelmeer als einem liquiden, ortlosen Raum der Abgrenzung wie des Austausches.


 

Projektmitarbeiter
Hannah Baader
Gerhard Wolf

Weitere Informationen
Vorlesungsreihe "Das Mittelmeer als Kulturraum" (Frankfurt am Main, WS 2009/2010)


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