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Jerusalem as Narrative and Iconic Space (4th to 15th Century)
Annette Hoffmann, Gerhard Wolf Das als Kooperation mit Bianca Kühnel (Hebrew University, Jerusalem) begonnene Forschungsprojekt untersucht verschiedene Formen der Annäherung an und Aneignung von Jerusalem in jüdischen, christlichen wie islamischen Kontexten. Translationen, Jerusalem-‚Kopien‘, ‚heilige‘ Relikte, ihr Transfer und die Modi ihrer Inszenierung stehen dabei ebenso im Blickfeld wie die Verbildlichung jerusalimitischer Themen und Orte. In erweiterter thematischer wie methodologischer Perspektive dreht sich das Projekt um die Beziehung von Bild und Ort. In der aktuellen Phase konzentriert sich die Projektarbeit auf narrative Umsetzungen bzw. Neukonstruktionen der Heiligen Stadt und des Heiligen Landes. Das Spektrum der Erzählungen in und über Jerusalem reicht von der biblischen Geschichte, den apokryphen Legenden über Geschichtsschreibung und Romane bis hin zum ‚realen‘, fiktiven oder geistlichen Pilgerbericht. In Text und Bild wird Jerusalem zum Erzählraum, einem Raum, der in der Erzählung bzw. durch diese noch einmal neu geschaffen wird, oder einem solchen, in dem Erzählung entsteht. Die zu Grunde liegenden Raumvorstellungen sind u.a.: Stadträume, Bildräume, literarische, kartographische und/oder sakrale Räume. Der Begriff des Erzählraums wird nicht nur im Sinne des bachtinschen Chronotopos gebraucht. Exemplarisch gehen die Analysen derzeit von Apokryphen und mittelalterlichen Legenden aus, die durch Jahrhunderte hindurch die ‚historischen‘ Ereignisse seit der Kreuzigung bis um 70 n. Chr., das Jahr der Zerstörung Jerusalems in vielfältigen Versionen entfalten.Im Zentrum des Geschehens stehen dabei eine biblische Figur, Pontius Pilatus, eine Passionsreliquie (der heilige Rock) und ein Christusbild , welches sich im Besitz von Veronika befindet. Letzteres heilt einen kranken römischen Kaiser (meist Tiberius). Erstmals wird die Legendentradition von Robert de Boron konkret mit der Tuchreliquie von St. Peter assoziiert, während die ab dem 13. Jahrhundert bezeugte Überlieferung, Pilatus habe das Gewand Christi, es vor dem Gericht des Kaisers selbst am Körper tragend, nach Rom gebracht, sich mit keiner der bekannten Rockreliquien mehr dauerhaft verbindet. Der römische Statthalter wird verurteilt und stirbt. Seine Leiche - ebenso unerwünscht wie verwunschen - macht im Westen als ‚Antireliquie‘ Karriere: Die Legenden erzählen von den ‚Wanderungen‘ der Leiche und bilden verschiedene Topographien aus,in denen diese eine Rolle spielt. Als Beispiel sei ein See bei Norcia in den Marken genannt. Das nasse Grab auf der Spitze eines Berges liegt nicht weit von einer sibyllinischen Grotte entfernt, die zu Beginn des 15. Jahrhunderts von Antoine de la Sale besucht und in der Art eines Pilgerberichts beschrieben wird. Eine wenig später entstandene Handschrift enthält einen Landschaftsprospekt, in dem - ganz ähnlich wie in zeitgleichen Darstellungen heiliger Berge - per tituli Grotte und See des Pilatus als relevante Lokalitäten kenntlich gemacht worden sind. In der Analyse dieser Texte und der mit ihnen assoziierten Bilder verfolgt das Projekt die Etablierung sakraler (bzw. ‚antisakraler‘) Topographie (vor allem vom 13. bis 15. Jahrhundert). Wie heften sich solche Erzählungen an bereits verehrte Reliquien und heilige Stätten, und wie vollzieht sich die geographische Konkretisierung und spätere Ikonisierung von erzählten, jedoch zunächst nicht fest lokalisierten Orten?
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