Sündenfall und Wissenschaft. Zur Verschriftlichung künstlerischer Techniken durch Cennino Cennini
Hannah Baader Die meisten der 189 Kapitel des von Cennino Cennini um 1390/1400 verfassten Buches über die Kunst, des "Libro dell'Arte", sind praktischen Fragen gewidmet. Der Text bietet in systematischer Anordnung eine Sammlung von Rezepturen und technischen Anweisungen, die die Herstellung von Malmitteln wie die Maltechniken, aber auch verschiedene Abdruckverfahren betreffen. Sie besteht in der Beschreibung der Herstellung des Malgrundes genauso wie des Brennens und des Einsatzes der Zeichenkohle, des Anlegens eines Tagwerkes, des schrittweisen Abtönens eines Farbtones, der Techniken der Herstellung von Federkielen, Firnissen, Grundierungen, Gips, Leim und Klebstoffen. Man findet Anleitungen zu chemischen Vorgängen, etwa der Gewinnung bestimmter Farben oder dem künstlichen Erzeugen einer spezifischen Luftfeuchtigkeit, sowie Ausführungen zu den unterschiedlichen Farbqualitäten aus Land- und Stadteiern, dem Auskochen von Knochen, bestimmten Verfahren der Mischung oder Rezepturen, die vom Autor zum Teil explizit mit dem Kochen von Speisen verglichen werden. Aus dem historischen Abstand von ca. 600 Jahren bietet das Buch Cenninis daher nicht nur einen Blick in das Laboratorium - oder auch die Hexenküche - eines vormodernen Künstlers, es stellt gerade auch im Hinblick auf die Erhaltung von Kunstwerken eine wichtige Quelle dar um die Techniken der Fresko-, Secco-, Tempera- oder Glasmalerei um 1400.
Den nicht auf Fragen der Restaurierung spezialisierten Leser konfrontiert der "Libro dell'Arte" mit jenem materiellen Aspekt der Kunst, der beim Anblick von Kunstwerken leicht in Vergessenheit gerät. In den Blick kommen mit Cenninis Text das künstlerische Material selbst, mehr noch aber die Techniken seiner Transformation, d.h. jene zum Teil hochkomplexen und durch lange Erfahrung gewonnenen Verfahren, durch die Erdpartikel, Steine und Metallklumpen mit organischen Stoffen wie Ei, Wasser oder Öl zusammengefügt und in ästhetische Objekte verwandelt werden, die ihre Materialität weitgehend vergessen lassen. Dass die Arbeit des Künstlers eine Verformung, d.h. eine 'deformatio' der Materie ist, hatte schon Vitruv bekräftigt. Selbst noch beim Gold unterliegt der Stoff, aus dem das Kunstwerk ist, der Veränderung durch eine Bearbeitung, die dieses erst zum Erscheinen bringt. Kunst setzt demnach immer eine technische Fertigkeit des Künstlers voraus, so wie mit ihr selbst zunächst eine Technik, eine 'techné' gemeint ist. Ob diese Technik darauf zielt, sich selbst zum Verschwinden zu bringen, weil die Kunstwerke vor dem Beginn der Moderne vor allem auf die Sublimierung des Materials zielen, ist eine These, die es zu diskutieren und weiter zu vertiefen gälte. Dem traditionellen Vorwurf der Falschheit der Malerei stellt sich das Material jedenfalls immer schon entgegen. Es steht (als 'materia prima' und 'ultima') zugleich am Anfang und am Ende der künstlerischen Arbeit. Nicht zuletzt hat der ambivalente soziale Status des Künstlers einen seiner Gründe vermutlich auch in seiner Fähigkeit des Umgangs mit und der Umwandlung von Materie, die er mit Hilfe seines technischen Wissen ins Werk setzt. Es gilt, die Bedeutung und den Umgang mit dem technischen Wissen der artes, das sich den Folgen des Sündenfalls entgegenzusetzen vermag, erneut in den Blick zu nehmen und auf ihre Bedeutung für eine Geschichte des Künstlers zu befragen.
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Project collaborators
Hannah
Baader
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