Die Kirchen von Siena
hrsg. von Peter A. Riedl und Max Seidel in Kooperation mit den Direktionen Nachdem das seit 1976 am Institut betriebene Forschungsprojekt 'Die Kirchen von Siena' im Jahr 2006 den Band 3.1 der Reihe 'Der Dom S. Maria Assunta - Architektur' vorgelegt hat, wurde mit den Arbeiten am Folgeband begonnen, der die Ausstattung des Sieneser Doms beinhalten soll, und zwar sowohl die am Ort erhaltene Ausstattung als auch alle früheren Zustände, die sich entweder dokumentarisch belegen oder sogar - auf der Grundlage von in musealer Präsentation oder Zweitverwendung auf uns gekommener Ausstattungsstücke - rekonstruieren lassen (3.2 'Der Dom S. Maria Assunta - Ausstattung'). Einzelforschungen im Rahmen des Projektes: Die Inventare der Sieneser Kathedrale Monika Butzek Die Sieneser Kathedrale verfügt über eine dichte Serie von Inventaren, die - angefangen vom frühesten Exemplar aus dem Jahr 1389 - bis in die Gegenwart reichen. Ihre Besonderheit ist, dass sie nicht nur - wie etwa Inventare anderer Kathedralkirchen - die Schätze der Sakristei, d. h. die Reliquien, die liturgischen Geräte, die Paramente und Bücher auflisten, sondern dass sie den Gesamtbereich erfassen, für den der Rektor der 'opera del duomo' (der administrative Leiter der Dombauhütte, auch Operaio genannt) zuständig zeichnete. Immer gehört ein Rundgang durch die Kirche dazu, wobei die Altäre mit ihrer Ausstattung inventarisiert werden, aber auch Statuen und Gestühle Erwähnung finden. Außerdem werden die Zimmer der Kapläne in der Canonica, das Wohnhaus und der Amtssitz des 'operaio', die Werkstätten der Steinmetzen und Schreiner, die Keller und Bodenräume (etwa unter dem Domdach) sowie die Remisen für die Prunkwagen der großen Prozessionen systematisch ‚begangen‘. Hinzu kommt ein Verzeichnis des Grundbesitzes der Opera sowie der Erträge, die daraus erzielt wurden. Schon diese summarische Aufzählung macht deutlich, welcher herausragende Quellenwert diesen Inventaren für ein Studium der Dom-Ausstattung im Laufe der Jahrhunderte eignet. Sie stellen eine überwältigende Fülle an Informationen bereit, die uns Heutigen nicht nur das Alltagsleben des Dompersonals vor Augen führen, sondern vor allem den rituellen Gebrauch der Kathedrale im Wechsel des Kirchenjahres lebendig werden lassen. Der Staatskult mit der Darbringung von Kerzen durch jeden Sieneser Bürger und jede dem Stadtstaat unterworfene Gemeinde am Festtag Mariä Himmelfahrt, die großen Predigten im Advent und in der Fastenzeit, die Doktorpromotionen, die von Nicola Pisanos Domkanzel aus vorgenommen wurden, all dies waren Ereignisse, die ihren Niederschlag in Gegenständen fanden, die im Umfeld des Doms aufbewahrt wurden und uns heute Rückschlüsse ermöglichen. Es ist deshalb vorgesehen, im Rahmen der sogenannten 'Beihefte' zur Hauptreihe der 'Kirchen von Siena' eine Auswahl aus diesen Inventaren, beschränkt auf den Zeitraum 1389 bis 1550, d. h. dem Ende der Sieneser Republik, vollständig vorzulegen. Im Zusammenhang der Studien zur Sieneser Barockskulptur und hier besonders der Bildhauerfamilie Mazzuoli wurde im Sommer 2007 im Auftrag der Fondazione Musei Senesi eine kleine Ausstellung mit Terracotta-Bozzetti des Barock veranstaltet. Sie fand in Petroio statt, einem Städtchen südlich von Siena, das sich mit dem Epitheton "capitale della terracotta" schmückt. Zur Ausstattung von Domsakristei und Baptisterium: Malerei und Skulptur des 15. Jahrhunderts Wolfgang Loseries Die Forschungen zur Ausstattung des Baptisteriums wurden fortgesetzt und die Recherchen auf die 1408 bis 1412 errichtete und ausgestattete Sakristei der Kathedrale ausgedehnt. Hier standen die von Benedetto di Bindo, einem jung verstorbenen Hauptmeister des frühen Sieneser Quattrocento, geschaffenen Fresken in den drei Sakristeikapellen im Fokus. Mit der Analyse der Zyklen konnten Bezüge zur Funktion der Räume, zu kultischen Traditionen, zu aktuellen lokalen Ereignissen und nicht zuletzt zur prekären Situation der von Schisma und häretischen Auseinandersetzungen erschütterten Kirche herausgearbeitet werden. So verweisen die Darstellungen in der als Bibliothek ausgestatteten Ostkapelle auf die Funktion als Ort geistlicher Studien, spielen auf das 1408 von Papst Gregor XII. an die Universität von Siena verliehene Privileg, eine theologische Fakultät einrichten zu dürfen, an und drücken im allegorischen 'Triumph des Heiligen Augustinus über die Häresie' sowohl den theologischen Wahrheitsanspruch als auch den Wunsch nach einer einheitlichen starken Kirche aus. Eine ähnliche kirchenpolitische Allusion dürfte den Fresken in der 'Cappella delle Reliquie', in der die Reliquien der Kathedrale gehütet wurden, eigen sein. Mit der 'Pestprozession des Heiligen Gregor durch Rom' wird die Wirksamkeit von Reliquien, in diesem Fall eine der Legende zufolge vom Evangelisten Lukas gemalte Marienikone, vor Augen geführt und damit auch auf die Funktion der Kapelle verwiesen. Bemerkenswert ist die Präzision, mit der Benedetto di Bindo das durch Rom getragene Marienbild darstellt: es ist eindeutig mit einer der drei römischen Ikonen, für die im Spätmittelalter beansprucht wurde, Lukas' Madonnenporträt zu sein, zu identifizieren. Somit bezog man also in Siena eine klare Position in diesem sogar mit Textfälschungen geführten römischen Ikonenstreit. Zugleich kann die 'Pestprozession des Heiligen Gregor' als Votiv der 1410 von einer Pestepidemie heimgesuchten Sienesen gelesen werden und schließlich als Anspielung auf die damalige desolate Lage Roms, die emblematisch für die der Kirche war. Im Programm der zentralen Sakristeikapelle manifestiert sich einmal mehr der in Siena, der selbsternannten 'Civitas Viginis', stark ausgeprägte Marienkult. Die direkten Vorbilder fanden sich gegenüber der Kathedrale an der Fassade des Hospitals in den 1335 vollendeten Fresken von Simone Martini und den Brüdern Pietro und Ambrogio Lorenzetti. Vor allem die Kopien dieser heute verlorenen, aber für das Verständnis der Sieneser Kunst des 14. und 15. Jahrhunderts wichtigen Fassadenmalereien, die Sano di Pietro 1448 bis 1452 für die Predella des Altars in der Kapelle des Sieneser Kommunalpalastes schuf, ermöglichen einen Vergleich der Marienvita des Benedetto di Bindo mit ihren Vorbildern. Mithilfe von Sanos Tafeln lassen sich die stark beschädigten Sakristeifresken virtuell ergänzen. Dank dieser Rekonstruktion konnten auch neue ikonografische Erkenntnisse zum Freskenzyklus in der Sakristeikapelle des Doms gewonnen werden. Dabei kamen Forschungen zugute, die zuvor zur Vorbereitung für die vom 15. März bis 6. Juli 2008 in Siena im Complesso Museale Santa Maria della Scala und in der Pinacoteca Nazionale gezeigte Ausstellung 'Maestri senesi e toscani nel Lindenau-Museum di Altenburg' unternommen und im Katalog publiziert wurden: Denn zwei der im Besitz des Lindenau-Museums befindlichen und für die Ausstellung kunsthistorisch bearbeiteten Exponate waren ursprünglich Tafeln eben jener erwähnten, heute zerlegten und über verschiedene Sammlungen verstreuten Predella des Sano di Pietro aus dem Palazzo Pubblico in Siena. Das Fassadenrundfenster des Sieneser Doms Frank Martin Die Forschungen zum Fassadenrundfenster des Domes in Siena entstanden im Rahmen eines Beitrags über die Glasmalereien des Sieneser Doms für den oben erwähnten Band 3.2 'Der Dom S. Maria Assunta - Ausstattung'. Das monumentale Fassadenrundfenster des Sieneser Doms hat - gemessen an seiner prominenten Position und seiner Größe - eine bemerkenswert langwierige Entstehungsgeschichte. Nach Fertigstellung der Fassade im frühen 14. Jahrhundert wurden zunächst keine Anstalten gemacht, die rund 18 Quadratmeter große Fensteröffnung zu verglasen. Man beließ es bei einem Fensterschluss mit Tüchern, der erst im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts angesichts der mangelhaften Isolierung und des Aufwandes bei der Instandhaltung als so unzureichend empfunden wurde, dass über eine beständigere und effizientere Alternative nachgedacht wurde. Eine erste Initiative, den Oculus durch Guasparre di Giovanni aus Volterra verglasen zu lassen, blieb allerdings in den Anfängen stecken, weil die Sorge, ein buntes Fenster könnte das Kirchenschiff zu dunkel werden lassen und eine Kerzenbeleuchtung erforderlich machen, am Ende überwog. Der Entwurf von Sassetta, der eine Verkündigung und eine Marienkrönung vorsah, gelangte nicht zur Ausführung. Ein zweiter Anlauf datiert aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Für das Projekt konnte man diesmal den Sieneser Glasmaler Pastorino Pastorini gewinnen, der als ehemaliger Mitarbeiter Guillaume de Marcillats die allerbesten Referenzen vorweisen konnte. Das Fenster, das jetzt tatsächlich entstand, zeigt allerdings eine Einsetzung der Eucharistie durch Christus beim Letzten Abendmahl. Das neue Thema spiegelt nicht nur jüngere Entwicklungen bei der Ausstattung des Domes wider, seine Ausführung fällt auch in die Zeit des Konzils von Trient, in der just die Diskussion um die Zeichenhaftigkeit der Eucharistie mit unerbittlicher Vehemenz und Schärfe geführt wurde, und in der das neue Fassadenrundfenster theologisch Position bezieht.
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Project collaborators
Max
Seidel
Monika
Butzek
Wolfgang
Loseries
Frank
Martin
Peter A.
Riedl
Further information
Sonderreihe "Die Kirchen von Siena"
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